„Ich spreche zu einem zukünftigen Publikum in die Zeit hinein“: Thomas Mann und die Botschaften für Abwesende #arbeiten40 @ruhrnalist

Der visionäre Medientheoretiker Thomas Mann

Der visionäre Medientheoretiker Thomas Mann

Als audiovisuellen “Urknall unserer Literatur” betitelte die FAZ einen einmaligen Fund unter der Signatur “Archivgut 20520″, das im Bundesarchiv ausgegraben wurde. Es ist der erste und einzige Tonfilm eines deutschen Dichters vor 1933. Und der Großdichter kann kein Anderer sein als Thomas Mann.

“Am 22. Januar 1929, einem Dienstag, kommt er zum ersten Mal in ein Tonfilmstudio, das seinerseits zu den allerersten in Deutschland zählt. Am Vorabend hatte er in der Preußischen Akademie der Künste bei der Feier zum zweihundertsten Geburtstag des Erzaufklärers Gotthold Ephraim Lessing die Festrede gehalten. Nun sitzt er im dunklen Anzug mit Weste, im weißen Hemd, mit einfarbiger Krawatte und einem blütenweißen Einstecktuch im Revers auf einem Stuhl, dessen hintere Holme über seiner Schulter wie zwei kleine Türme aufragen. Die Kamera läuft bereits. Mit einem unsichtbaren Gegenüber spricht der Studiogast noch einige nicht zu verstehende Worte, dann wird zum bewegten Bild der Ton geschaltet: Dreieinhalb Minuten lang zelebriert Thomas Mann von jetzt an ‘Worte zum Gedächtnis Lessings’”, schreibt die FAZ zu diesem in meinen Augen sensationellen Dokument der Filmgeschichte.

Es war noch die große Zeit des Stummfilms, die sich in Ende der zwanziger Jahre und im Laufe der dreißiger Jahre so langsam dem Ende zuneigte. Etwa die Werke von Buster Keaton: Der General (1926) und Steamboat Bill junior (1928). Oder von Charles Chaplin: Lichter der Großstadt (1931), Moderne Zeiten (1936).

Zeugnisse einer öffentlichen Wirkung von Thomas Manns feierlichen “Beitrittsakt zur multimedialen Moderne” gibt es übrigens nicht. Wahrscheinlich war das Ganze nur ein Experiment. Möglichkeiten der Verbreitung gab es noch nicht. Umso erstaunlicher ist die Weitsicht des Schriftstellers über die Wirkung audiovisueller Aufzeichnungen:

“Da ich hier sprechen soll, ist es begreiflich, dass ich mir Gedanken mache über die Eigentümlichkeit und den Reiz einer Situation, in die ich ganz überraschend gekommen bin – und zwar durch die gütige Vermittlung der Berliner Lessing-Hochschule, die ich denn doch dankend erwähnen möchte”, sagt Thomas Mann in der ersten Szene.

Und dann folgt eine Passage, die sich mit der Wirkung des Radios beschäftigt. Es war vielleicht einige Monate nach dem Kriege, als er für den Rundfunk einen Vortrag hielt:

“Das Gefühl, das ich damals hatte, wiederholt sich heute in verstärktem Maße. Ich erlebte es damals zum ersten Mal, dass das Publikum, zu dem ich sprach, nicht in sinnlicher und gesellschaftlicher Gegenwart sich vor mir befand, nicht durch die vier Wände eines Saales zusammengefasst, sondern dass es unsichtbar, unhörbar, weit über die ganze Welt hin zerstreut, meinen Worten zuhörte, die mir beim Sprechen von Zeit zu Zeit einfielen. Heute nun aber ist dieses Publikum, zu dem ich spreche, nicht nur räumlich von mir getrennt, sondern es ist in der Zeit von mir entrückt. Und ich spreche zu einem zukünftigen Publikum in die Zeit hinein. Das ist das Phantastische und Exzentrische, fast möchte ich sagen, das ich in dieser Situation empfinde.

Es geht um die Anwesenheit der Abwesenden oder um die Kommunikation für Abwesende, wie es Hannes Schleeh und ich im Buch „Livestreaming mit Hangout on Air“ beschrieben haben: Bis in die dreißiger Jahre wurde im Radio ausschließlich live gesendet. Aufzeichnungsmöglichkeiten bot damals allein die Schallplatte, die allerdings nur bei Großereignissen zum Einsatz kam – etwa bei Big Band-Konzerten oder Lesungen von berühmten Autoren.

Im Filmstudio gesellte sich zur räumlichen Radio-Erfahrung von Thomas Mann sofort die Erkenntnis von der Verewigung.

“Das ist die Schlüsselsentenz dieses ersten Tonfilm-Moments eines deutschen Dichters. Dass Thomas Mann diese Reflexion simultan mit einem Geschehen entwickelt, das er als Akteur gerade in Gang setzt, dessen Kamera- und Aufzeichnungsobjekt er aber gleichzeitig ist, spricht für seine stupende und spontane intellektuelle Präsenz”, so die FAZ.

Thomas Mann war sich der epochalen Bedeutung des neuen Mediums bewusst. In der zweiten Version seiner kurzen Rede, die in der DVD-Edition von Heinrich Breloer’s Doku-Drama “Die Manns. Ein Jahrhundertroman” veröffentlicht wurde, formuliert er die Schlüsselsentenz präziser und hellseherisch:

“Die heutige Lage nun überbietet in gewisser Hinsicht die damalige, da es sich heute nicht nur um ein im Raume fernes Publikum handelt, zu dem ich spreche, sondern sogar um eines in der Zeit von mir entferntes. Ein Publikum, das eines Tages, der noch nicht da ist, mich so sehen wird, wie ich jetzt sitze und spreche, und mich so hören wird, wie ich mich heute in die Zukunft hinein zu ihm äußere.”

Im Buchkapitel “Social TV und die Kultur der Beteiligung” unseres Livestreaming-Buches nennen wir das Flaschenpost an die Zukunft: Die perfekte Verschmelzung von synchroner und asynchroner Kommunikation. Oder wie es Hannes Schleeh in einigen Bloggercamp.tv-Sendungen formulierte:

“Ich begrüße alle Zuschauer im Hier und Jetzt und ganz besonders jene, die uns in der Zukunft sehen werden!”

Für uns ist diese Erkenntnis eine Selbstverständlichkeit. Aber wie großartig war die blitzschnelle Analytik von Thomas Mann vor 85 Jahren. Ich verneige mich vor diesem Giganten des Literaturbetriebs. Heute würden wir von der Anschlussfähigkeit der Kommunikation sprechen. Und die wird immer noch nicht so richtig gelebt. Beim Berliner Barcamp Arbeiten 4.0 der Bertelsmann-Stiftung gab es sehr viele spannende Session-Angebote, die sich für Botschaften an die Zukunft geeignet hätten. Aufzeichnungen oder Livestreaming-Aktivitäten gab es nicht oder fast nicht.

Beim Session-Angebot von Winfried Felser und mir war die Liveübertragung via Hangout on Air integraler Bestandteil der Diskussionsrunde, um die Interaktion mit dem Netz während der Session zu gewährleisten und unsere Debatte für ein zukünftiges Publikum zu bewahren.

Dabei ist übrigens die Zahl der Live-Zuschauer irrelevant, wo wir doch immer mehr über On-Demand-TV sprechen, was sogar das „Konzept Fernsehsender“ überflüssig macht.

Keynote und Abschlusspanel wurden von mir dann noch gestreamt mit den Diensten Bambuser und Meerkat.

Das sind die einzigen Konserven, die man vom Barcamp abrufen kann.

Beim Livestreaming-Workshop am Sonntag in Herne werden wir – also Kai Rüsberg und ich – ausführlich auf den vielfältigen Nutzen von Livestreaming-Diensten eingehen. Man hört, sieht und streamt sich spätestens am 7. Juni. Da kann man fünf Exemplare des Livestreaming-Buches gewinnen 🙂

Es gibt noch ein paar Karten.

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