Sätze für die dümmsten Irrtümer der Technik-Geschichte: „Wir haben das Auto erfunden“ und müssen uns vor Apple und Co. nicht fürchten

Apple

“… wir haben das Auto erfunden. Und Erfahrung ist in einem so komplexen Geschäft wie dem Automobilbau mitentscheidend”, verkündete Daimler-Chef Dieter Zetsche in einem Interview als Reaktion auf Gerüchte, Apple werde in das Automobilgeschäft einsteigen.

Das klingt nach einer Selbstsicherheit, die man auch als betriebsblinde Arroganz interpretieren könnte. Oder anders ausgedrückt: Die Geschäftserfolge der Vergangenheit wirken wie Denkfallen. Wer ausschließlich wie eine Hardware-Company denkt, verpasst neue Chancen, weil man ähnlich wie Best Buy versucht, die Neuentwicklung zu bremsen, indem man Störsender in den Verkaufsflächen installiert, anstatt wie in den Apple Stores neue Zahlverfahren per Handy einzuführen, um den vernetzten Kunden besser zu bedienen. Vernetzung, Plattformen und digitale Ökosysteme werden auch für Industriebetriebe immer wichtiger.

“Das kommende System Auto basiert auf einem vernetzten Betriebssystem über das Einzelfahrzeug hinaus, aus dem sich neue Produkte und Märkte ergeben. Uber wird mit rund 40 Milliarden Dollar bewertet (sechs Mal mehr als Lufthansa), weil es das Betriebssystem für den Transportmarkt plant. Viele Anwendungsfälle des Produkts Auto können mit der richtigen Plattform anders abgebildet werden als durch den schnöden Produktkauf. Egal, ob Uber oder ein Wettbewerber den Transportmarkt software-seitig aufessen”, so Sascha Lobo in seiner aktuellen Spiegel-Kolumne.

Branchenfremde Größen aus der digitalen Sphäre können sehr schnell in traditionelle Geschäfte eindringen und durcheinander wirbeln – das gilt für den Produktionssektor und Dienstleistungssektor gleichermaßen. So erleidet die Hotelwirtschaft zur Zeit schmerzhafte Umsatzeinbrüche durch Airbnb, der Zimmerbörse auf Speed, wie es Lobo formuliert:

“Airbnb bedeutet, dass man inzwischen im Internet übernachten kann. Zetsches Kommentare klingen, als hätte die Vorstandsvorsitzende einer Hotelkette vor Airbnb erklärt, dass sie Digitalkonzerne nicht ernsthaft bedrohen könnten. Weil die Hotelwirtschaft logistisch zu komplex für Anfänger sei.”

Arroganz, Selbstsicherheit und Ignoranz können sich die Firmenlenker der Deutschland AG nicht leisten. Siehe auch das gestrige Expertengespräch zur Cebit Mittelstandslounge:

Künftig geht es nicht mehr um d a s Auto, sondern um Konzepte für Mobilität.

Siehe auch den Diskurs auf Facebook.

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4 Gedanken zu “Sätze für die dümmsten Irrtümer der Technik-Geschichte: „Wir haben das Auto erfunden“ und müssen uns vor Apple und Co. nicht fürchten

  1. Arroganz ist in der Tat nicht angebracht.
    Allerdings warnt Lobo in seinem Beitrag auch vor Plattform-Kapitalismus.

    Persönlich finde ich es seltsam, dass Internet-Konzerne inzwischen an der Börse mehr wert sind als Industrieunternehmen.

    Damit können sich die Konzerne ja schon Hersteller ihrer Wahl kaufen. Aber wer die Fabriken besitzt, besitzt auch ein höheres Geschäftsrisiko und hat eine geringere Flexibilität, als ein Internetkonzern oder insbesondere ein Start-Up.

    Wenn sich Produktion aber irgendwann nicht mehr lohnt, dann können wir nur darauf hoffen, dass die Softwarebranche auch dafür eine Lösung hat.

    Die Computersimulation ist ja schon sehr weit. Dann brauchen die arbeitslosen Ex-Fabrikarbeiter dann keine Autos mehr, sondern nur noch eine Simulationssoftware. Das würde auch den Straßenverkehr entlasten.

    Und die Reichen würden sich wieder Autos aus einer Manufaktur gönnen und für gute Handarbeit viel Geld bezahlen.

    Wollen wir das wirklich? Oder sollten wir auf eine ausgewogene Mischung achten?

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    • Natürlich brauchen wir weiterhin die Industrie, wir brauchen Produktion und wir brauchen Produkte. Das produzierende Gewerbe muss allerdings Kompetenzen für Vernetzung, Software, produktbegleitende Services aufbauen und zudem die Standards für die Vernetzung mitbestimmen. Sonst wird es schwieriger. Wer nicht clever ist, den fressen Uber und Co.

      Statt uns in weiteren industriepolitisch motivierten Abwehrschlachten die Zeit zu verplempern, sollten wir in Deutschland ordnungspolitische Akzente setzen, um uns von den Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt. Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, „dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.

      Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus.

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      • Das produzierende Gewerbe ist zumindest im Bereich der mittelständischen deutschen Weltmarktführer, mit ihren spezifischen Nischen, nicht erst seit der Digitalisierung der Geschäftsprozesse gut vernetzt. Ohne ein Gespür für Kundenbedürfnisse, hätten sie diese Position nie erlangt.

        Aus dem Blickwinkel eines IT/Internet-Konzerns geht die digitale Vernetzung in dem Bereich natürlich nicht schnell genug. Die Konzerne sind daher derzeit auf Mittelstandsveranstaltungen mit Referenten und als Sponsoren unterwegs.

        Diskussionen, wie diese hier, erhöhen den Druck, im Bereich Software und digitale Geschäftsmodelle mehr zu tun. Gleichzeitigt stellen sich die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) zurecht die Frage, was andere mit Ihren Daten anstellen können. Eine spannende Diskussion dazu gab es auf der „IT‘s OWL“-Pressekonferenz anlässlich der SPS/IPC/Drives in Nürnberg, Ende 2014. Da hatten unterschiedliche Vorstände sehr verschiedene Meinungen dazu, wie sie damit umgehen wollen.

        Fakt ist:
        1. Ja, Unternehmen sind gut beraten sich auch digitale Kompetenz zu erarbeiten.
        2. KMU (aber auch große Unternehmen) sind gut beraten, jetzt nicht den einfachsten Weg zu gehen und sich den erstbesten Partner mit ins Boot zu holen.
        3. Von Service allein kann auch kein Land leben. Oder warum sind die USA seit der Finanzkrise wieder mit Re-Industrialisierung beschäftigt?

        Das digitale Know-how hilft natürlich dabei, sich entsprechendes Wissen über die globalen Netze zu beschaffen. Dessen muss man sich bewusst sein. Und wer damit umgehen kann, der braucht auch sicher keine Panik davor zu haben. Wer das Know-how (noch) nicht hat, der sollte es aufbauen, bevor er sich in solche Geschäftsfelder stürzt.

        Die Verlagsbranche hat sich da etwas vor machen lassen. Mit kostenlosen Inhalten haben Verlage das Internet selbst interessant gemacht. Sie glaubten, dass sie damit an die Erfolge der Internetkonzerne anknüpfen könnten. Die Internetkonzerne wurden damit gestärkt.
        Die Leser der Verlagsprodukte wanderten ins Internet ab. Als Verlage merkten, dass so vor allem die Suchmaschinenbetreiber von der Fülle der Inhalte profitieren, da war es zu spät. Jetzt geben die früheren Leser ihr Geld für eine Internet-Flatrate und mobile Endgeräte (SmartPhone, Tablet-PC, etc.) aus und haben alternative Möglichkeiten, sich kostenlose Inhalte zu beschaffen.

        Dumm gelaufen könnte man sagen. Und: Das geschieht der Branche recht.

        Auf der anderen Seite entsteht dadurch möglicherweise ein Monopol, das größer ist, als das Medienmonopol, das wir bisher kennen.

        Ich kenne auch die Ideen von PayPal-Gründer und Facebook-Investor Peter Thiel und finde es grundsätzlich gut, eine Alternative zu etablierten und vielleicht verkrusteten Systemen zu haben. Gleichzeitig stehen die Investoren dort nun Schlange, um das große Geld zu machen.

        Ist das noch die Freiheit, die den Gründergeist des Internet-Zeitalters ausmachte?

        Egal ob Facebook, Google, Uber oder Airbnb sowie Alibaba und Co. – alle haben nur ein Geschäftsmodell: Daten von potenziellen Kunden zu sammeln und die Kunden mit Anbietern zusammenzubringen.

        Als ein Automobilmanager (Lopez) in den 1990er Jahren nach einem ähnlichen Muster Anbieter (Zulieferer) zu niedrigeren Preisen gegeneinander ausspielte, gab es einen Aufschrei. Das Ergebnis waren zudem Qualitätsprobleme. Das Verhältnis der Automobilhersteller zu ihren Zulieferern hat sich danach wieder entspannt.

        Die Moral von der Geschicht‘:
        Manche Dinge wiederholen sich in der Historie, nur auf unterschiedlichen Ebenen.
        Wir sind also gut beraten, uns eine Vielfallt an Anbietern zu erhalten, statt ein Monopol durch ein anders zu ersetzen.

        Zu Thomas Brasch: Autonomes Fahren und die Freiheit zur Kommunikation finde ich übrigens auch toll. Das hatte ich früher auch im öffentlichen Nahverkehr. Jetzt tragen die Menschen dort Kopfhörer und schauen in SmartPhones und Tablet-PC. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

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  2. Man mag es oftmals gar nicht glauben, wie dämlich Vorstandsvorsitzende kommunizieren. Und fast noch mehr zu fürchten ist, dass er diese Haltung tatsächlich hat. Wenn es nur eine kommunikative Dummheit war, sollte der Chef für Öffentlichkeitsarbeit in den Senkel gestellt werden. Sollte es aber wirklich seine Haltung sein, so kann ich den Aktionären von Daimler nur raten, sich bald einen neuen VV zu suchen.

    Wer die jüngste Industriegeschichte beobachtet hat, kennt den Aufstieg und Fall von Nokia und RIM. Wer hinschaut, wo Produktion von Konsumprodukten derzeit auf höchsten Niveau erfolgt, blickt nach Asien. Es ist also keine gewagte Prognose zu erwarten, dass die Herstellung von praktikablen Autos mehr und mehr ein asiatischer Import wird. Die kommenden Generationen wollen Mobilität und weniger PS-Status. Ein Apple-Mobile ist dann ein Gadget, ein fahrender Bildschirm mit vollem Entertainment-Programm. Ich träume davon schon seit Jahren und mein siebenjähriger Sohn ist schon ganz heiß auf die ersten Autos, die von selbst fahren. Denn dann kann man ja super miteinander spielen. Und die Kompetenz dafür liegt nun mal nicht in der Erfahrung von Daimler & Co. Die werden dann bestenfalls Zulieferer.

    Daimler ist mit der Vision von Mobilität statt Auto vor 20 Jahren auf die Schnauze gefallen: das Smart-Konzept sah dies alles – leider noch viel zu früh – vor. Jetzt ist es nur noch auf ein Auto gestutzt. Hätten sie aber damals Visionäre im Konzern angestellt und weitermachen lassen, dann hätten sie die Chance auf ihr eigenes „Apple“ heute. Aber ein Autokonzern, der seine Beteiligung an „Tesla“ verhökert“, der hat offenbar keine Visionäre im Haus oder schickt die immer schnell zum Arzt.

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