Ego versus Eco – die Sohn-Lange-Kontroverse um die Homepage der Verlage als Ausdruck eines paradigmatischen Wandels

Fundamentale Kontroversen zu den Stalin-Noten – Sethe und Grewe

Stalin_1894_Colour Vor vielen Jahrzehnten wurde im Rahmen der Stalin-Noten zwischen den klugen Köpfen Sethe und Grewe kontrovers diskutiert, ob eine Wiedervereinigung schon damals möglich gewesen wäre oder nicht. Stalin hatte Deutschland 1952 ein Angebot einer Wiedervereinigung gemacht, um wahrscheinlich den Prozess der Westintegration zu stoppen. Die sogenannte Sethe-Grewe-Kontroverse wurde zu einem Ereignis der Zeitgeschichte, weil sich an ihr fundamentale, fast paradigmatische historische Fragen diskutieren ließen und lassen. Hieran konnten die damaligen, sich widersprechenden Denkmodelle über Stalin, die Russen, die Chance der Wiedervereinigung etc. expliziert und evaluiert werden.

Bild 1: Der junge Stalin, vielleicht doch ein Netter?

Fundamentale Kontroversen 2.0 zu Homepages – Sohn und Lange

Auch die New-Marketing-Community hat seit einigen Woche eine Diskussion, die fundamentaler bzw. paradigmatischer ist, als es auf den ersten Blick erscheint. Es wird auf den ersten Blick nur diskutiert, ob Verlage noch eine Webseite brauchen oder nicht. Nach der bewussten Erstprovokation von Jonny Häusler in seiner Wired-Kolumne hagelte es diverse Repliken bis sich schließlich die prominenten Blogger Gunnar Sohn und Mirko Lange in einer leidenschaftlichen Kontroverse wiederfanden. Vor allem eine zuvor erfolgte Diskussion zu den neuen Gateways war natürlich ideal geeignet, um eine Basis für diese Kontroverse zu schaffen.

Bild 2: Hangout zu neuen Inhalte, Geschäftsmodellen, Portalen durch Facebook & Co

Die Erstürmer der Verlagsseiten argumentieren u.a. mit der sinkenden Relevanz der eigenen Webseite im Vergleich zu den Gateways wie Facebook und Co. Die Bewahrer verteidigen ihre Position u.a. mit dem Hinweis auf eine „Homepage“ als einziger nachhaltiger „Homebase“ im Sinne von „My Homepage is My Castle“. Wer hat nun Recht? Die Antwort ist natürlich eindeutig zweideutig: Beide Parteien haben Recht bzw. beide haben Unrecht, jeweils relativ gesehen. Recht haben beide, weil man wahrscheinlich auch in einer fernen Zukunft noch einen „eigenen zentralen Knoten“ braucht (wie es die Homepage-Fraktion sieht) und weil zugleich die Bedeutung der Multiplikatoren steigt (wie die Gateway-Fraktion argumentiert). Beide haben Unrecht, weil dieser eigene zentrale Knoten nur noch wenig mit den alten CMS-Dinosauriern zu tun hat (was die Homepage-Fraktion erkennen sollte), aber auch das vollkommene Verschwinden dieses neuen „eigenen“ Knoten  unwahrscheinlich und unnötig ist (was die Gateway-Fraktion ruhig souverän einräumen könnte). Die Bedeutung dieses Knoten wird aber eben nicht mehr vergleichbar mit der heutigen Situation sein.

Die essentielle Frage dahinter: Ego oder Eco

Denn die neue Welt wird eine vollkommen neue Welt sein. „Homepages“ werden virtualisiert und zu Knoten in einem vernetzten Internet der Flüsse, bei dem die Knoten z.B. über APIs (Application Interfaces) oder gemeinsame Erfahrungswelten bzw. kollaborative Kontexte vernetzt sein werden. Das alles ist daher nur ein Hinweis auf den viel fundamentaleren Wandel, der uns allen bevorstehen wird. Es geht um nicht weniger als den Wandel von der Ego- und Objekt- und System-Welt zur Eco- und Fähigkeits-/Service- bzw. Netzwerk-Welt, wobei Eco hier nichts mit Ökologie zu tun hat, sondern natürlich für Ecosysteme bzw. kollaborative Netzwerke steht. Aber auch Ego steht nicht für egoistisch, eher für (noch) ego-zentriert.

Die Ego-Welt des Webs: Meine Homepage, mein Content, mein Leads …

In der Ego-Welt des alten Content-Webs dominierend dementsprechend noch die Denkmodelle wie meine abgegrenzte Homepage, mein Content und meine Leser bzw. Leads. Das Verständnis von Leads als Objekte für das eigene CRM-System verdeutlicht mit am besten die Einstellungseffekte dieses Paradigma 1.0.

 

Die Eco-Welt des Webs: Unser Netzwerk, unsere Erfahrungswelt, unser Dialog

Die Eco-Welt sieht als Paradigma 4.0 (kein Scherz!) die Welt abstrahiert von ihren scheinbaren Grenzen. Das Ich verschwindet im kollaborativen Wir bzw. Netzwerk, Ommmm … 😉 Aber im Ernst: Spätestens mit Own, Paid, Earned, … Media und Own, Paid, Earned … Content, … verschwinden die Grenzen von mein und Dein und irgendwann erkennt man, dass an die Stelle der eigenen Insel das eigene Netzwerk treten muss und echter Dialog in einer gemeinsamen Erfahrungswelt die Content-Fallen ersetzen sollte.

Competence-Networking als die Eco-Version des Content-Marketing

In einem früheren Beitrag des Autors zu „Competence Networking – das bessere Content Marketing?“ wurde diese neue Sicht durchdenkliniert und operationalisiert.

Competence Networking

Bild 3: Neues Denken: Kompetenz-Netzwerke und Competence Networking

Man könnte nach dem oben Gesagten auch kurz formulieren: Content-Marketing im Sinne des Eco-Paradigmas gedacht muss Competence Networking sein. Es wird aber noch Jahrzehnte dauern, bis die alten Denkmuster in diesem Sinne überwunden sein werden. Und vielleicht wird man dann die neuen Phänomene anders nennen. Aber was sind schon Buzzwords mehr als Schall und Rauch.

PS: Nachtrag – Von der Homepage zur Plattform 4.0, Neudenke Portal- und Relaunchmanagement

Vielleicht ein Vorschlag für die Buzzwords vorweg: Im Rahmen der Digitalisierungs-Debatte  gewinnt mittlerweile der Begriff „Plattform“ ebenso an Popularität wie die Versionsnummern „4.0“ . Wenn man Plattformen als die „technologische“ Basis für das zukünftige Competence Networking ansieht bzw. das neue ökonomische Paradigma 4.0, dann müssen sich Homepages bzw. Portale weiterentwickeln zu Plattformen 4.0, die Teil von Netzwerken von Plattformen 4.0 sind. Sie müssen dann offener, vernetzter, smarter und interaktiver bzw. kollaborativer sein: Keine statische „Wir über uns“-Seiten mehr, sondern Knotenpunkte, die nicht nur interaktiver / kollaborativer für die Besucher einer Seite sind, sondern auch kollaborativer in Richtung aller anderen relevanten Kontexte und Akteure im Internet und darüber hinaus.

Damit definiert sich dann aber auch Portal- und Relaunchmanagement neu. Nicht mehr das Management des eigenen CMS und der eigenen Inhalte ist der Letzterfolg einer (neuen) Seite, sondern der wirklich möglichst umfassende, produktive bzw. wertschöpfende Austausch im „Netz“. Dann muss aber auch bei einem Launch oder Relaunch mehr getan werden, als Technik zu entwickeln und Content zu erstellen. Die „Gestaltung“ der „sozialen“ Competence Networking-Basis wird jenseits von Technik und Inhalten essentiell für den Wertschöpfungs-Erfolg. Ohne Andocken an die Netzwerke, die Gatekeeper und die Erfolgspromotoren (andere Portale, Akteure, …), die eben mehr sind als nur Facebook und Google, und ohne ein vorlaufendes Beziehungsmanagement  zu diesen Partnern bleibt im schlimmsten Fall die schönste Webseite eine einsame Insel. Dafür aber lohnen sich die Mühen in den wenigsten Fällen.


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2 Gedanken zu “Ego versus Eco – die Sohn-Lange-Kontroverse um die Homepage der Verlage als Ausdruck eines paradigmatischen Wandels

  1. Pingback: Publizieren ohne Website? Keine gute Idee | Das Textdepot

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