Industrie 4.0-Nekrolog – Kompetenzstreit zwischen Industrie und Politik schreit nach einem Kompetenzgespräch

Teufel

In einem fiktiven Nekrolog zum Jahresende 2020 hat Winfried Felser in einem Beitrag für die Huffington Post vorsorglich beerdigt.

2013 sei eigentlich noch alles perfekt gewesen:

„Der Abschlussbericht des Arbeitskreises Industrie 4.0 war ein fundierter Wegweiser. Die Industrie in Deutschland war zudem immer noch der Schlüsselfaktor für unseren ökonomischen Erfolg, das versprach entsprechende Relevanz des Themas für alle Beteiligten, auch auf politischer Ebene. Gerade Deutschland verfügte zugleich über hervorragende Kompetenzen für ein Gelingen von Industrie 4.0. Neben den bekannten und Hidden Champions in der Industrie, war auch die industrienahe Informationstechnologie aus Deutschland führend (ERP-, MES-, APS-Systeme).“

Die Verbände VDMA, BITKOM und ZVEI schlossen sich zur Plattform Industrie 4.0 zusammen und wurden von anderen Verbänden tatkräftig unterstützt. Deutschland habe endlich mal ein zukunftsträchtiges Thema gefunden, um den Silicon Valley-Ikonen die Stirn zu bieten. Sieben später kam alles ganz anders.

Deutschland wird nur noch ein winziger Teil des erfolgreicheren „Industrial Internet Consortiums“ (IIC), das von Schlachtschiffen wie General Electric, CISCO, IBM und Intel in den USA gegründet wurde, aber heute Unternehmen aus allen Ländern umfasst und sehr viel weiter geht als die Planungen von deutschen Industriekonzernen.

Die Gründe für das teutonische Debakel sind vielfältig:

„So investierten die USA unter der Obama-Administration allein für die Produktionsforschung 1,6 Milliarden Euro und bereits 2012 starteten Programme wie das ‚Advanced Manufacturing Partnership‘. Im Rahmen dieses Programms wurden regionale Kompetenzzentren in der Fertigung eingerichtet, um die an den Universitäten entwickelten Zukunftstechnologien auch in der Praxis einsetzen zu können. Diese Programme ergänzen forschungsseitig, was industrieseitig durch das IIC und andere Netzwerke realisiert wurde. Neben General Electric und Cisco entdeckten die Marktführer des Silicon Valleys zunehmend die Industrie als Betätigungsfeld. Es fing alles klein an, etwa mit der Akquisition von NEST- und einigen Roboter-Firmen durch Google“, schreibt Felser in seinem gar nicht so futuristischen Nekrolog.

Schon 2014 kamen wichtige Zukunftsimpulse wie die „twitternden“ Produktionsmaschinen auf Basis von MTConnect aus den USA. Als in Deutschland noch die Standardisierungsgremien tagten, wurden in den USA kommend bereits wichtige „Claims“ besetzt. Dass Deutschland Schlüssel-Kompetenzen in der mobilen Kommunikation abgebaut hatte, verschärfte das Problem der heimischen Industrie.

Auch Asien und der Rest der Welt waren nicht untätig und gingen auf Einkaufstour. So plante China 2014 ein Investitionsvolumen von 1,2 Billionen Euro für die Modernisierung und Transformation der Industrie. Man wollte nicht länger die verlängerte Werkbank des Westens sein. Das Reich der Mitte kaufte sogar leistungsstarke mittelständische Unternehmen in Deutschland auf, um industrielle Innovationen auf den Weg zu bringen. So warnten international agierende Vordenker wie Professor Sachsenmeier in Interviews mit der Competence Site vor den Mythen der Industrie 4.0:

„In China wird sich Quantität zunehmend zu Qualität verwandeln, einfach, weil die Beschäftigung mit Produktion zu immer besseren Kenntnissen führt. Da diese Kenntnisse anderswo abgebaut werden, werden viele industrielle Bereiche Chinas über Zeit zu weltweit führenden Exzellenzclustern werden. Hochflexible Massenfertigung zeichnet China heute schon aus; das fokussierte Herstellen von Sonderanfertigungen ist da nicht weit.“

Deutschland scheitere allerdings nicht nur an den Tendenzen des internationalen Marktes, sondern auch an hausgemachten Problemen: Mangelhafte Marktorientierung; eine zu ausgeprägte Neigung, Dinge kompliziert und komplex zu machen – Ingenieurs-Syndrom; ein falsches Pardigma in der Basistechnologie; eine mangelhafte Kooperation deutscher Firmen; Vernachlässigung des Mittelstandspotenzials; keine Kopplung von Forschung mit den Erfordernissen des Marktes.

Man versagte schlichtweg bei den notwendigen Kollaborations- und Netzwerkeffekten.

abbildung 3 neu RIP German Industrie 4.0

Liest man den heutigen Handelsblatt-Aufmacher „Kompetenzstreit 4.0“, so ist der Nachruf von Winfried Felser aus dem Jahr 2020 bereits Realität. So bekamen deutsche Industrievertreter auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos von Kanzlerin Angela Merkel eine semantische Kopfnuss für ihre Bräsigkeit bei der Etablierung von Industrie 4.0-Standards. Die USA und asiatische Länder seien bereits enteilt. Begleitet wird die Zaghaftigkeit der Industriekonzerne von Ressortstreitigkeiten im Merkel-Kabinett. Forschungsministerin Johanna Wanka leistet sich einen Wettstreit mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Ein leistungsstarkes Industrienetzwerk, das die Digitalisierung vorantreibt bleibt auf der Strecke. Von der Unzulänglichkeit des notwendigen Breitbandausbaus ganz zu schweigen – da kommt dann CSU-Minister Dobrindt ins Spiel. Die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation ist datenhungrig und benötigt schnelles Internet jenseits der geplanten 50 Mbit pro Sekunde. Zur Zeit liegen wir bei rund 7 Mbit pro Sekunde.

All das schreit nach einem Live-Hangout – ein Kompetenzgespräch über den Industrie 4.0-Kompetenzstreit. Wir werden Euch in Kürze über den genauen Termin und über die Zusammensetzung der Runde informieren.

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4 Gedanken zu “Industrie 4.0-Nekrolog – Kompetenzstreit zwischen Industrie und Politik schreit nach einem Kompetenzgespräch

  1. Pingback: Plattform Industrie 4.0: Mit viel Tamtam gestartet und nun gescheitert – Deutschland versagt auch bei Industrievernetzung | www.ne-na.de

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