Heiner Müller und die Ökonomie der Aufmerksamkeit: „Das erste Ereignis im Leben von Althusser war die Ermordung seiner Frau”

Mord

Die Ökonomie der Aufmerksamkeit funktioniert weitgehend über Interessantheit und was interessant ist, entscheidet nicht der Sender:

„Wann immer wir von der Markenkommunikation reden, ist es eine Illusion zu glauben, dass einem die Marke gehört. Die Marke findet in den Köpfen der Menschen statt und ich kann allenfalls versuchen, sphärisch herumzutanzen und sie mit Geduldsspielen zu beeinflussen. Den Kontrollverlust muss man akzeptieren“, erklärt Sascha Lobo.

Die digitale Schicht im Internet funktioniere weitgehend über Interessantheit, bestätigt Lobo:

„Sie ist an die Stelle von Relevanz getreten. Das hat aber nichts mit Authentizität zu tun. Die wird maßlos überschätzt. Paris Hilton ist dafür der lebende Beweise.“

Die Herausforderungen für Unternehmen sind ähnlich wie für Redaktionen. Deshalb sollte man dem Rat von Andreas Dietrich vom Tages-Anzeiger in Zürich folgen:

“Überlegt Euch am Anfang stets, ohne aufs Korsett der Formen zu achten, wie eure Geschichte adäquat und packend/überraschend erzählt werden kann; und dann entwickelt Eure eigene Erzählweise. Es kann ein wilder Mix sein – das freut und erfrischt den Leser, solange er Euch folgen und die Form nachvollziehen kann. Und nie vergessen: Die recherchierten Fakten sind bloss Bausteine – erst wenn Ihr daraus eine Geschichte baut, ist es eine Geschichte.”

Eine Erfolgsformel für gute Geschichten gibt es nicht. Das bekommen auch erfahrene Regisseure, Drehbuchautoren und Schriftsteller zu spüren. Man kann nur versuchen, immer wieder aufs Neue gute Geschichten zu erzählen.

Deshalb ist es wichtig, in jeder Kommunikationsform wie Regisseure oder Drehbuchautoren zu operieren – das gilt für Tweets, Facebook-Postings, Audio, Video, Pressemeldungen, Blogbeiträge oder Kommentare. Nicht die Binnensicht ist entscheidend, sondern der Kopf des Außenstehenden. Man kann das gut an den recht spröden Texten des Sozialwissenschaftlers Louis Althusser erkennen: Als Theoretiker war dieser Mann für den Dramaturgen Heiner Müller völlig uninteressant. Er interessierte sich für den „Fall” Althusser. Leben bedeutet, “dass sich etwas ereignet, dass etwas passiert”, so Müller.

„Das erste Ereignis im Leben von Althusser war die Ermordung seiner Frau”.

In solchen dramatischen Wendungen des Lebens fand Müller seinen Erzählstoff. Und ob diese Erzählung irgendwo ankommt oder nicht, liegt nicht in der Hand des Autors:

„Ich kann nur noch Texte herstellen für Flaschenpost, die ich in eine Flasche stecke, und dann werfe ich die Flasche ins Wasser mit der Hoffnung, dass sie irgendwann aufgefischt wird, ob von einem Marsmenschen oder von einem Puertoricaner oder was immer. Und versucht dann, aus diesem Text in dieser Flasche Informationen zu beziehen, die er vielleicht verwenden kann für sein Leben”, erklärt Müller.

Eine treffende Analogie zum Geschehen in sozialen Netzwerken. Entscheidend sind die vielen verschiedenen Erzählmethoden und Angebote, die gemacht werden müssen – Versuch und Irrtum.

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