Über Content-Fallgruben, Marktbeschallung und inkompetente Unternehmens-Kommunikatoren

Wer ist Sender, wer ist Empfänger?

Wer ist Sender, wer ist Empfänger?

Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. So erklärte der legendäre Soziologie Niklas Luhmann die Kommunikationskultur in digitalen Netzwerken, obwohl er gar keinen Computer besaß. Seine wissenschaftlichen Arbeiten basierten auf dem Zufallsmodell eines Zettelkastens. Der Luhmann-Schüler Dirk Baecker hat das präzisiert:

„Heterogene Netzwerke treten an die Stelle der eher homogenen Funktionssysteme, wie wir sie von der modernen Gesellschaft kennen. Wir bekommen es mit unwahrscheinlichen Clusterbildungen, mit seltsamen Verknotungen von Geschichten, Milieus, Leuten und Organisationen zu tun, mit Possen, die die Gesellschaft durchkreuzen, ohne dass man wüsste, woher sie kommen und wohin sie verschwinden. Unsere Kultur wird sich von der Vernunft der Moderne noch weiter verabschieden und sich stattdessen mit einer Komplexität anfreunden, mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können.“

Die Kommunikation in den unübersichtlichen Netzwerkstrukturen des Internets greift die Autorität der so genannten Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen ins Netz kommt, lässt sich nur schwer überprüfen. Sie lässt sich jedenfalls nicht mehr in Autorität oder Kompetenz ummünzen. Und genau das treibt wohl Marketing-Manager, Verkäufer, Berater und sonstige Debatten-Dompteure auf die Palme, wie ein kleiner Facebook-Disput belegt.

Bei einer Zufallskommunikation im Netz kann der Sender nur Optionen bieten, die eine Anschlusskommunikation ermöglichen. Ein klar identifizierbarer Empfänger ist nicht vorhanden – der existiert nur noch in den Strategien, Prozessen und Empfehlungen von Marketing-Beratern.

Da man die Ziele und Pläne im Marketing nicht mehr ohne Brechstange erreicht – schließlich muss man den Auftraggebern oder den Vorgesetzten Erfolgszahlen präsentieren -, werden Content-Fallgruben errichtet (herrliche Formulierung von Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser). Also SEO-Targeting-Leadgenerierungs-Gedöns zur Marktbeschallung – also semantische Umweltverschmutzung mit sehr kurzer Halbwertzeit. Wer stürzt schon gerne als User in die Bauernfänger-Fallgruben?

Obwohl diese „Strategien“ ins Lehre laufen, vertrödeln die meisten Unternehmen ihre Zeit mit verbrauchten Ritualen aus dem vergangenen Jahrhundert, moniert die Buchautorin Anne M. Schüller.

“Topdown-Formationen, Silodenke, Insellösungen, Abteilungsegoismen, Hierarchiegehabe, Budgetierungsmarathons, Anweisungskultur, Kontrollitis, Kennzahlenmanie.”

Man kann es in jedem Organigramm bewundern:

“Sie verdeutlichen – vielleicht mehr als alles andere – die wahre, fossile Gesinnung: Der Chef thront ganz oben, darunter, in Kästchen eingesperrt, seine brave Gefolgsmannschaft”, so Schüller.

Die Zahlenhörigkeit vieler Führungsgremien sei geradezu abstrus:

“Oft genug wird ganz fanatisch das Falsche getan, Hauptsache, es kann gemessen werden. Und Manipulationen zum eigenen Vorteil sind Normalität. Dem Kennziffernjoch kann niemand entkommen. Selbst die Mitarbeiterperformance wird nun über Dashboards und Cockpits gesteuert, so, als ob Menschen Maschinen wären, bei denen man die Anzahl der Umdrehungen misst.”

Reportings und Budgetierungsverfahren, durch die ab September die halbe Firma in Lähmung verfällt, fressen noch mehr Ressourcen.

“Bisweilen kommt mir das vor wie ein Beschäftigungsprogramm für Sozialanalphabeten. Denn solange man mit Zahlenklauberei zugange ist, muss man sich nicht mit den Menschen befassen”, führt Schüller weiter aus.

Was von diesen Kompetenz-Illussionen des Marketings und anderer Unternehmensdisziplinen übrig bleibt, beleuchten wir in einem Werkstatt-Gespräch:

Man hört und sieht sich.

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